MetroPolen

von Alexander Ossia

Späte Nacht in einer zwielichtigen osteuropäischen Stadt. Es ist eiskalt. Dampf hüllt beim Sprechen unsere Köpfe ein und zieht uns hinterher, bevor er im Licht einer Straßenlampe verschwindet. Gelbe Linienbusse fahren mit beschlagenen Scheiben an uns vorbei. An der Bushaltestelle am Lazienki-Park steigt niemand ein oder aus. An der US-Botschaft hängt ein Schild, das einem das Fotografieren untersagt. Der Sicherheitsbeamte dampft auch beim Atmen und läuft hastig hin und her, knetet dabei seine in dickes Leder eingepackten Hände. Warschau an einem Samstagabend zwischen Weihnachten und Neujahr. Wir sind zu Fuß unterwegs in eine Diskothek.

Gestern hing an einem angesagten schwulen Club in der Innenstadt, wo die Spitze des von den Sowjets gebauten Kulturpalastes elegant in den roten Himmel sticht, ein überdimensionales Plakat überm Eingang: volle, feucht glänzende, violette Lippen lutschen an einem Lolly, der das Logo des heterofreundlichen Tanzlokals trägt. Darunter in ebenfalls violetten Buchstaben der Untertitel: Suck my Discoteque. Der große, in grellem Pink beleuchtete Durchgang, von zwei männlichen H&M-Models gesäumt, ist über fünf bis zehn Meter der Gehsteig mit Flughafenband abgesperrt, was allerdings gar nicht nötig ist, denn die Schlange besteht nur aus uns. Und da kommen auch keine mehr. Einer der zwei Türsteher mit blonden Strähnen, breiten Schultern und schlanker Taille lässt uns lächelnd passieren. Dobrej zabawy! Have fun! Der Innenhof ist mit Palmen geschmückt, die in Neon-Farben Schatten an die Hauswände werfen. Der zweite Eingang ist unbewacht. Man hat eine Glasfront ins Erdgeschoss gebaut, hinter der uns die leeren Sessel und Sitzecken entgegengähnen.

Auf jedem Couchtischchen eine einsam flackernde Kerze im IKEA-Windlicht. Techno dringt auf uns zu als wir die Glastür zur Seite schieben. Drinnen sind die Wände mit glitzernder Goldfolie ausgelegt. Diskokugeln besprenkeln die komplette Chillout-Area. Mit der Lichtorgel, die den Raum von einer Ecke aus abwechselnd in Rot, Gelb und Blau taucht, erinnert mich das alles an einen Partykeller in Bochum, in dem ich mal zu Abi-Zeiten war. Links hinter einer Ecke eine Bar aus Glasbausteinen, an der niemand steht und keinen Alkohol bestellt . Nur der muskulöse Barkeeper mit Tank-Top und Baseballkappe freut sich uns zu sehen. Theresa ist eine gutaussehende junge Frau in engem Mantel, oben am Kragen ein bisschen Pelz, das lange braune Haar fällt in Wellen zur Seite. Sie sieht ein bisschen aus wie Lana Del Rey vor der letzten oder vorletzten OP und trägt ihr weißes Hemd mit Rüschen-Kragen auch genau wie die YouTube-Königin des Jahres 2011 bis oben hin zugeknöpft, was man aber erst sieht, wenn sie den Mantel ablegt. Tut aber eh nichts zur Sache, denn der Barmann interessiert sich gar nicht für sie, sondern natürlich nur für uns . Theresas Bruder Christoph: 1,82 groß, athletisch, die blonden Locken über den Ohren abrasiert, markantes Kinn, sympathisches Lächeln, steht auf Frauen. Nikolai: etwas größer als Christoph, schwarzes halblanges Haar, dichter und voller als man es hier im bunten Licht der Disko-Lampen erahnen könnte, hohe slawische Wangenknochen, große Augen, sehr attraktiv, wie der Rest der Begleitung. Ich, noch größer als er, rote Haare, Drei-Tage-Bart, keltischer Typ, die Schultern nicht so breit wie sie gerne wären und deswegen hier heute Abend in geradem, aufrechtem Gang und angespannter Brustmuskulatur bestelle ich laut schreiend in gebrochenem Polnisch vier Gin-Tonics. Natürlich im Nominativ. Der Barista lacht und wir bekommen die Getränke mit einem Augenzwinkern. Muss wohl echt süß sein, dieser Nominativ. Auf der Bar steht ein Glas fürs Trinkgeld mit einem Zettel dran: Everytime you give a tip Justin Bieber dies a little.

Elektronische Bässe dröhnen auf mein Zwerchfell. Nebenan eine große Tanzfläche. Komplett leer. Polnische Männer tanzen wohl noch viel weniger als die deutschen. Und das, obwohl sie schwul sind? Nee, warte mal. Polnische Männer tanzen eigentlich auf jeder Party. Jedenfalls in Deutschland. Ob nun schwul oder nicht, scheißegal. Und wenn schwul, dann erst recht! Moment – hier stimmt doch was nicht. Soll das heißen, polnische Schwule tanzen nur in Polen nicht? Meine Rechnung geht nicht auf. Obwohl – wahrscheinlich sind die schwulen Polen hier bei sich zu Hause einfach total introvertiert, wegen der ganzen Diskriminierung und so. Ja, das muss es sein. Man will wohl nicht erkannt werden, geht aber eben doch gewissen menschlichen Bedürfnissen nach (oder offenbar auch nicht) und hofft auf eine schnelle Nummer, bevor man unbemerkt wieder der nette, alleinstehende Büroangestellte von nebenan für die Zeit nach dem Wochenende wird.

Ich bin ja so bescheuert und naiv. Wahrscheinlich tobt eine Etage über uns eine Mega-Party mit eingeflogenen Drag-Queens und internationalen Top Acts aus Amsterdam und Barcelona, das polnische Fernsehen überträgt live eine Sonder-Motto-Folge von „Polen sucht den Superstar“ oder dem polnischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest und wir sind einfach nur im falschen Stockwerk. Also erst mal zurück auf die Sofas im Eingangsbereich.

Wir sind in die Polster gesunken und reden laut, um uns bei dem Krach zu verstehen, nippen ab und zu an unseren Getränken. Wie befremdlich – die Zeit zwischen den Jahren scheint nicht die beste Zeit zu sein, um in der polnischen Hauptstadt auszugehen. Die meisten Leute sind wohl verreist, alle Warschauer bei ihren Eltern zu Besuch auf dem Land. Oder vielleicht sind sie zwischen den Jahren einfach nicht in der Stimmung auszugehen um einen Club zu füllen, der im Reiseführer mit fünf Sternen und Daumen hoch angegeben war. Keine Ahnung.

Wir bemerken in der Sitzgruppe auf der anderen Seite des gold verpackten Disko-Zimmers aber doch noch andere Gäste. Ein schlanker Hipster in engem Blazer, mit enger Hochwasserhose, flachen Schuhen und einem leichten Schal, der locker um Hals und Schultern gelegt ist. Eigentlich ist alles an ihm zu eng, zu klein, zu leicht. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich eine E-Zigarette in Betrieb. Wenn er an diesem silbernen Stab zieht, blinkt ein blaues Licht an der Seite. Dann atmet er den Dampf aus, der eine klare weiße Farbe hat. Ich bin total fasziniert und nehme mir vor, auf E-Zigarette umzusteigen. Catwoman sitzt ihm gegenüber. Eine Frau von oben bis unten in schwarzem Latex gekleidet mit einer Maske, die ihr halbes Gesicht verdeckt. Unmöglich ihr Alter zu bestimmen. Die langen Haare hat sie oben auf dem Hinterkopf zu einem strengen, aber dramatisch über die Schultern fallenden Pferdeschwanz zusammengebunden. Eine Strähne wellt sich aus dem Pony, das aus der fest nach hinten gezogenen Frisur herausragt links über ihr Gesicht. Saskia Valencia hatte in den besseren Jahren von GZSZ immer dieser Frisur. Nur in Blond. Abgeschlossen wird diese Sadomaso-Aufmachung von extrem hohen Pfennig-Absätzen, auf denen sie in ihren hochgeschlossenen Lackstiefeln thront. Neben ihr sitzt ein großer, breiter Typ in weiten Rapper-Klamotten. Weißer Kapuzenpullover mit dem Logo einer amerikanischen Universität auf der Brust, der Schritt seiner weiten Hose hängt ihm zwischen den Knien, so wie er da so breitbeinig sitzt. Das alles und seine schwarze Haut lässt auf afroamerikanische Herkunft schließen. Die drei haben unsere Aufmerksamkeit also per se auf sich gezogen. Wir fühlen uns plötzlich ziemlich provinziell, oder geht es nur mir so? Theresa, Christoph, Nikolai und ich mit hochgezogenen Augenbrauen im trashigen aber laut Reiseführer populärsten Homoschuppen Warschaus. Wir hatten uns wohl etwas mehr transodrischen Hochglanz erhofft. Weniger harten Techno. Aber vor allem mehr Leute. Als wir unsere Getränke ausgetrunken in den Händen halten, tanzt immer noch niemand. Wir stecken über dem kleinen Tisch die Köpfe zusammen. Gehen wir? Ja, wir gehen. Beim Rausgehen höre ich die drei anderen Clubgäste, auch der Ami, in fließendem Polnisch miteinander sprechen. Ich bin irritiert.

Eine Nacht später stehen wir also an einem menschenleeren Kreisverkehr. Eigentlich frieren wir nur und unter der angegeben Adresse finden wir weder einen Club noch ein Café, Restaurant oder sonst irgendeine gastronomische Einrichtung. Alles geschlossen, dunkel, verriegelt oder im Umbau mit beklebten Schaufenstern. Wir würden gerne jemanden fragen, aber hier ist ja keiner. Also laufen wir noch mal um den Block um auch wirklich sicher zu gehen, dass es keinen zweiten Hauseingang gibt. Es gibt keinen. Wir sind auf der Suche nach einem Schwulen-Club, dessen Homepage gute Musik versprochen hat. Warum gehen wir eigentlich in keine der bekannten Großraumdiskotheken irgendwo? Wir haben ehrlich gesagt keine Lust auf Events mit Musik aus den aktuellen Hip-Hop Charts, die wir auch in Spandau oder Wuppertal haben könnten, in die man nur in Begleitung mit einer Frau reinkommt und drinnen dann trotzdem halbnackte Mädchen an Stangen auf Podesten tanzen. Diverse Poster weisen schon seit Tagen auf solche Veranstaltungen hin. Alles fürn Arsch. Da hätten wir auch in Berlin bleiben und ins Q’Dorf gehen können, diese Ballermann-Absteige fürs Brandenburger Bauernvolk mit Sangria-Flat in der Johannisthaler Straße. Après-Ski auf Polnisch? Na, vielen Dank. Also haben wir trotz der Pleite von vor ein paar Abenden entschieden, doch wieder einen Herrenclub aufzusuchen. Diesmal in der Hoffnung, wenigstens gute Musik zu haben. Schon auf der Homepage stand, dass der Eingang nicht so leicht zu finden sei. Was definitiv für den Club spricht, da sind wir uns einig. Wie aufregend, einen versteckten Schwulenclub zu besuchen. In Berlin kann man ja selbst mit Zungenkuss und festem Griff unter das T-Shirt in der U-Bahn niemanden mehr schocken. Ja, die Zeiten der Aufmerksamkeit sind wohl vorbei. Den mutigen Generationen vor uns sei Dank ist der CSD in Deutschland nur noch eine große glitzernde Gehirn-Amöben-Parade zum Tanzen, Saufen und Ficken für ehrlich gesagt jedermann und auch jedefrau. Hier im wilden Osteuropa aber müssen wir uns also noch verstecken. Welch Tabu-Bruch! Ich fühle mich wie Aufklärer und Abenteurer zugleich. Doch das gesellschaftlich so provokante, homo-dramatische Großstadt-Abenteuer droht zu scheitern, denn wir sind kurz davor, die Suche aufzugeben. Es ist auch einfach zu kalt und wir haben keine Ahnung, wie oder ob überhaupt die Busse von hier zurück zum Hotel fahren. Mann, jede private Untergrund-Disse in Teheran muss einfacher zu finden sein. Verbotener Kick: bitte ja. Unauffindbar versteckte Clubs: bitte nicht. Wir sind in diesem Moment einfach nur irgendwelche verwöhnten Touristen, verwechseln Polen mit Russland und wollen jetzt einfach wieder ins Hotel zurück, als zwei Männer in dunklen Mänteln kurz vor uns wortlos hinter einer Mauer in einen Hinterhof verschwinden. Wir bleiben kurz stehen, gucken uns an, verziehen keine Miene.
Alles klar – los hinterher .

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