„Reden fällt mir leichter als Schreiben“

Frau Vogel gibt als Sprachwissenschaftlerin einen Einblick in ihre Schreibgewohnheiten und erklärt, warum sie ihre Tochter fürs Lesen bezahlt.

Teil 2 des großen LiteraListen-Interviews von Hendrik Schulz und Christian Schütte.

Petra M. Vogel (2)

Foto: Hendrik Schulz

Studierende haben oft Probleme, Arbeiten fertigzubekommen. Finden Sie wissenschaftliches Schreiben einfach?
Überhaupt nicht, Reden fällt mir leichter als Schreiben. Das dauert mir zu lange.

Womit sind Sie unzufrieden, wenn Sie eigene Texte lesen?
Ich lese sie nicht mehr. Wenn sie abgegeben sind, sind sie für mich erledigt. Außer ich muss nachschauen, weil ich etwas zitieren will. Das Nicht-Lesen kommt aber nicht daher, dass ich damit so unzufrieden war. Wenn ich mir das noch einmal anschaue, denke ich oft: „Das ist doch eigentlich ganz gut!“ Aber es besteht einfach keine Notwendigkeit. Ich habe es abgeschlossen, es ist vorbei und ich mache das Nächste.

Haben Sie dann alles im Kopf, was Sie zu Papier gebracht haben?
Nein, dann muss ich nachschauen. Das mache ich aber nicht häufig, weil ich mich meistens ganz anderen Themen widme.

Wie oft überarbeiten Sie einen Text? Viele denken, man schreibt das in einem Rutsch runter …
Früher als Studentin und Doktorandin habe ich gedacht: Ich muss alles fertig im Kopf haben und dann schreibe ich es auf. Bei großen Arbeiten dauert das natürlich zum Teil Jahre. Und das Schlimme ist: Man denkt, dass man nicht fertig wird. Heute erstelle ich eine Gliederung als roten Faden mit Seiten- und Zeitangaben, und die Kapitel werden dann wie eigene Artikel abgehandelt. Gerade große Arbeiten werden ja schnell uferlos. Also kommt erst der ganze Aufbau und dann widmet man sich den Kapitel-Artikeln. Ich habe mir angewöhnt, zunächst alles einfach hinzuschreiben. Dabei ist es völlig egal, wie das stilistisch aussieht – weil man später nämlich oft denkt, dass das gar nicht so schlecht ist. Das erste Hinschreiben ist das Problem. So steht aber schon etwas da und die Schwelle ist nicht mehr so hoch.

Schreiben Sie überhaupt noch mit der Hand?
Um Gottes Willen … Obwohl, doch, ich schreibe von Hand Exzerpte von dem, was ich lese, und die arbeite ich dann durch. Aber den Text als solches nicht, nur was ich mir aus der Literatur notiere. Mittlerweile fange ich sehr früh an zu schreiben, nämlich wenn ich denke, dass ich die nötige Basisliteratur gelesen habe.

Können Sie Maschine schreiben? Oder verwenden Sie das Zwei-Finger-Suchsystem?
Ich schreibe während des Denkens und mein Ein-Finger-Suchsystem entspricht meiner Denkgeschwindigkeit beim wissenschaftlichen Denken und Schreiben. Also eigentlich mit zwei Fingern der rechten Hand, mit Fingern von zwei Händen verdrehen sich bei mir schnell die Buchstaben, das merkt man zum Beispiel bei E-Mails. Ich schreibe so schnell wie nötig, um einzutippen, was ich denke. Maschineschreiben habe ich mir beigebracht, als ich meinen ersten Computer hatte. Das war 1987 zur Magisterarbeit, glaube ich. Aber wenn ich wissenschaftliche Texte schreibe, denke ich nicht so schnell, wie ich schreiben könnte …

Haben Sie Tipps für Studierende zum Verfassen schriftlicher Arbeiten?
Wichtig sind Beispiele! Kein Leser kann ohne Beispiele komplexe Gedankengänge verstehen. Und vor allem sollte niemand etwas schreiben, was er selbst nicht verstanden hat – denn dann kann ich es als Leser erst recht nicht verstehen. Manche zitieren etwa indirekt Stellen, von denen sie denken, sie seien besonders klug formuliert und weil sie davon ausgehen, dass der Dozent das schon begreifen wird. Aber sie schreiben ja nicht für mich, sondern für einen interessierten Laien! Das steht übrigens alles auf meiner Homepage in den „Hinweisen zum Verfassen schriftlicher Arbeiten“.

Ein Wissenschaftstext fesselt ja eigentlich nicht wie ein Roman, den man auch spätnachts im Bett nicht weglegen kann.
Manchmal schon! Das passiert zum Beispiel bei wissenschaftlichen Texten, wenn man ein Problem hat und nach einer Lösung sucht. Dann will ich unbedingt wissen: Hilft mir der Text beim Lösen des Problems? Vielleicht ist die Lösung auf den nächsten Seiten zu finden? Dann will man immer weiterlesen. Früher, als wir noch mehr auf Fernleihe angewiesen waren, wartete man sehnsüchtig darauf, dass ein Buch oder ein Artikel mit einem vielversprechenden Titel endlich kam.

Gibt es denn Beispiele für einen solchen Text?
Was den populärwissenschaftlich-linguistischen Bereich angeht, hat mir Frau Planka kürzlich „Sprachen. Oder was den Mensch zum Menschen macht“ von Nikolaus Nützel zum Rezensieren gegeben. Das habe ich an einem Tag durchgelesen, weil es echt klasse war. Es ist eigentlich ein Jugendbuch, aber wenn die Studierenden alles wissen würden, was da drin steht, wäre das ganz gut! Das Buch habe ich übrigens meiner Tochter gegeben, weil ich auch gern ein Feedback von Jugendlichen hätte. Sie ist 13, will aber keine linguistische Literatur lesen, weil sie zwei Linguisten als Eltern hat. (lacht) Also werde ich ihr Geld geben – Auftragslesen: Du kriegst 20 Euro!

Haben die Deutschlehrer Ihrer Tochter eigentlich Angst vor ihr? Bei zwei Linguisten als Eltern?
Die wissen das nicht. Ehemalige Studenten von mir sind aber auch schon mal Referendare an der Schule unserer Tochter. Wenn sie von neuen Referendaren erzählt und ich feststelle, dass sie bei mir studiert haben, erzählt sie denen das schon mal. Aber ich gehe nicht hin und lasse die Germanistikprofessorin raushängen. Unsere Tochter ist sowieso gut in Deutsch.

 

Im nächsten Teil erläutert Frau Vogel, warum sie sich ungern mit „Frau Professor“ anreden lässt, und beantwortet die Frage, ob Studenten immer dümmer werden.

 

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