Sahnewolke & Kandiswürfel

von Jan Rottmann

Das Kristallgitter des Kandis löst sich unter einem leisen Knistern und ich frage mich warum man keinen anständigen Tee mehr bekommen kann, denn das Zitrusaroma vom Bergamottenöl lässt mir jedes mal einen Schauer über den Rücken jagen. Felix kommt ins Wohnzimmer, und dreht sich, als wolle er mir sein neues Sommerkleid präsentieren, um die eigene Achse. „Sahne habe ich nicht da aber Milch tuts doch auch, oder?“ Da ein „Nein“ die Tatsache nicht ändern würde, nehme ich den Karton schweigend entgegen.
Ich muss voller Neid anerkennen, dass er in dem Dreireiher mit schwarzen Budapestern kombiniert, nicht wie ein Arschloch aussieht. Er trägt selbst den absoluten Dandylook wie Freizeitmode und ich fühle mich ohne Weste und Taschenuhr wie ein Frosch im Affenkostüm. Hendrik lächelt uns von seinem Platz aus entgegen, und obwohl er auch ohne Haupthaar und Augenbrauen unverschämt gut aussieht, würde ich mir am liebsten einen Edding 800 schnappen, und alles wieder neu aufmalen. Die Augenbrauen mal erstaunt, mal glücklich oder verärgert. Auch dem Bart sind keine Grenzen gesetzt; von Abraham Lincoln bis zum klassischen Kaiser Wilhelm wäre vieles möglich. Die Milch sinkt wie Quecksilber in die Tasse, gesellt sich zum Kandis, und vermengt sich mit dem Earl Grey zu einer homogenen Abartigkeit. Naja, nur mit Sahne bekommt man eine schöne Wolke hin.
Felix nimmt das noch immer fast bis zum Rand gefüllte Porzellan vom Tisch und fragt: „Soll ich noch was aufbrühen? Feines Hemd übrigens.“ Der Ton verrät mir, dass er weiß, dass es das Hemd vom letzten Jahr ist. Vielleicht hat er auch den Rotweinfleck am Kragen bemerkt, den ich selbst mit Zitrone, Salz und Gallseife nicht habe rauswaschen können. „Obwohl, wir müssen ja gleich eh schon los. Werden ja abgeholt.“ Trotzdem stellt er, wie automatisch, den Wasserkocher an.
Bevor Jonas auf die Hupe drückt, habe ich ihn schon zehn Minuten auf dem Parkplatz rumlungern sehen. Zu früh und unschlüssig was mit der Zeit anzufangen ist. An den Nägeln knabbert, als wolle er das restliche Nikotin der letzten Kippe von vor drei Jahren aus den Fingerkuppen saugen.
„Hätte doch wenigstens hochkommen können“, komplettiert Felix meinen Gedanken enttäuscht. Er geht vor und ich trödele absichtlich um noch ein paar Sekunden mit Hendrik zu haben.
In dem kleinen Park vor der Haustür bilden der Mann mit Bierfahne und Kampfhund sowie die Mutter mit ihrer kleinen Tochter eine friedliche Koexistenz. Das Mädchen quiekt entzückt, als sie den Nacken des Pitbulls streicheln darf. Selbst der Wochenend-Nazi lächelt durch den dumpfen Nebel seiner noch nicht reflektierten Verzweifelung.
Ich werde wütend. Warum müssen Menschen immer alles kaputtmachen mit ihrer guten Laune. Vielleicht schäme ich mich auch nur, weil ich meinen eigenen Dopaminhaushalt bloß noch synthetisch regulieren kann? Auf dem Rücksitz mit dem Sicherheitsgurt um meine Schulter, fühle ich mich wie Papst Innozenz X. mit krudem Strich gemalt, aber doch erkennbar. Schreiend auf dem Thron. Nicht fähig sich zu artikulieren. Und ich wünsche mir Hendrik wäre hier. Derjenige, der immer was kluges zu sagen hat, und weiß worum es im Leben geht.
10 Prozent Glück, 50 Prozent Mut und 50 prozentigen Alkohol. Dass meist auf diese großen Worte, leere Flaschen und selten Taten folgten, lässt mich meinen Puls in den Augen spüren. Das Gleiche gilt für den Fakt dass der, der für alles ein albernes Prinzip hat, gegen das Wichtigste verstößt.
Verstohlen taste ich unter meiner Jacke nach dem Fotorahmen aus Felix‘ Wohnung. Vielleicht hat später noch ein Schreibwarengeschäft geöffnet, dann stehle ich einen Edding, den ganz dicken, und male alles wieder auf. Die Haare, die Augenbrauen und den Bart.

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