… und dann kam Tschick

von Wiebke Kühlbach

Wolfgang Herrndorfs neuer Roman „Tschick“ ist eine wilde Berg-und-Tal-Fahrt durch die ersten großen Fragen im Leben eines 14-Jährigen mit einer Ladung Ironie auf der Rückbank.

Zum Glück bin ich keine vierzehn mehr!“ – Das hat wohl jeder von uns mehr als nur einmal gedacht, wenn er mit pubertierenden, lauthals kichernden Teenagern in der Bahn saß oder womöglich noch eins von diesen Exemplaren zu Hause hat. Türen knallen, laute Musik und Probleme, die wir nicht verstehen. Aber dann kam „Tschick“. Und mit einem Mal sehnen wir uns nach dieser Zeit zurück, als der Pausenhof das Zentrum des Universums war und einem die Sommerferien wie eine Ewigkeit vorkamen.

„Maik Klingenberg, der Held“ ist vierzehn Jahre alt, wohnt mit seinen Eltern in Berlin Marzahn und sitzt blutend und mit vollgepisster Hose auf dem Revier der Autobahnpolizei. Wolfgang Herrndorf redet nicht lange um den heißen Brei herum, sondern wirft den Leser direkt ins Geschehen. Da sitzen wir also und fragen uns zunächst noch etwas skeptisch, wie wir da gelandet sind. Der sonst so unscheinbare Maik nimmt das Ganze in die Hand und berichtet von seiner Odyssee.

Maik ist langweilig und hat keine Freunde, „jedenfalls seit Paul weggezogen ist“. Das ist wohl auch der Grund warum Tatjana, das schönste Mädchen der Klasse, noch nie von ihm Notiz genommen hat. Aber dann kommt Tschick, der eigentlich Andrej Tschichatschow heißt, in die Klasse und genau wie alle anderen kann auch Maik ihn nicht leiden. „Tschick war ein Assi, und genau so sah er auch aus.“ Er kommt gerne mal besoffen zum Unterricht und schnell geht auf dem Schulhof das Gerücht rum, er stehe in Verbindung zur „Russenmafia“.

Maiks ungeschönte Art zu sprechen, macht das Erzählte für den Leser so glaubwürdig. Wir kaufen ihm auf Anhieb alles ab, denn obwohl er hin und wieder versucht sich etwas gewählter auszudrücken, ist er doch nicht klüger oder erfahrener als wir. Nein, Maik sagt uns sogar, dass er dieses oder jenes bis heute nicht verstehe. Es könnte ebenso das Tagebuch des vierzehnjährigen Wolfgang Herrndorf sein, dass wir da zu lesen bekommen. Aber dann fällt doch immer wieder auf, wie wortgewandt der Vierzehnjährige ist, denn der Roman strotzt nur so vor Ironie. Das Gute ist, dass man keine Zeit hat, sich über diesen kleinen Haken Gedanken zu machen, weil man einfach lachen muss. Gelegentlich sogar laut, obwohl man gerade allein im Zimmer ist.

Die Sommerferien stehen vor der Tür, Mutter Klingenberg muss mal wieder zur „Beautyfarm“ alias Entzugsklinik, Vater Klingenberg macht in der Zeit Urlaub mit seiner „Assistentin“ und Maik ist nicht nur allein zu Haus, sondern wird auch nicht zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Weltuntergangsszenario! Schließlich hat er schon vor Wochen ein Geschenk für seinen Schwarm angefertigt.

Aber dann kommt Tschick. Mit einem geklauten Lada steht er in Maiks Einfahrt und macht der Langeweile ein Ende. Der vermeintliche Assi ist nämlich doch gar nicht so ein „Arschloch“. Die zwei Außenseiter tuen sich zusammen und da der Lada ja schon einmal zur Verfügung steht, warum dann nicht zu Tschicks Opa in die Walachei fahren? Ohne Karten, Kompass, Handy oder Navi, dafür aber mit „Federballschlägern, einem Riesenstapel Mangas, vier Paar Schuhen und sechs Fertigpizzas“ machen sich die Zwei auf den Weg. Sie ahnen nicht, dass ihre Reise mehr ist, als Abhauen.

„Tschick“ rast mit Karacho auf die Spitze der Bestsellerlisten und das zu Recht. Herrndorf zeigt uns nämlich wie schön all die ersten Male doch waren: das erste Mal am Steuer eines Autos sitzen, das erste Mal Schmetterlinge im Bauch, das erste Mal ernsthaft über den Tod nachdenken, das erste Mal Grenzen durchbrechen und über sich hinauswachsen und das erste Mal wahre Freundschaft kennenlernen. „Alter Finne“ war das ein Spaß!

Herrndorf, Wolfgang: Tschick, Rowohlt Verlag 2010, ISBN: 978-3871347108, 8,99 €

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