28.07.2014: Wortmeldung.

von Johannes Herbst

„Ist dort die Polizei? Ich muss ein Wort melden!“ Schlechtes Spiel mit den Worten, doch privilegiert sich zu Wort zu melden?

In der Uni machen es die einen zumindest häufiger als die anderen, manchmal auch nur, um die peinliche Stille im Seminarraum zu beenden. Doch sollte das Zuwortmelden nicht nur dann geschehen, wenn es Essenzielles zu sagen gibt? Und habe ich überhaupt etwas zu sagen? Beim Formulieren einer möglichen Antwort sitze ich vor der unbeschriebenen .odt-Datei mit dem Titel „Wöchentliche Wortmeldung“ und gleite in den Webbrowser ab, wo meine Gedanken von alleine ins Schweifen geraten. Auf der geöffneten YouTube-Startseite werden sie mit persönlichen Empfehlungen und den zurzeit beliebtesten Videos konfrontiert. Die präsentierten Vorschaubildchen blenden mit lockenden Aussichten. Auffällig oft finden sich Abbildungen der sinnlich verpackten Geschlechtsmerkmale des weiblichen Körpers, die aber (meiner Erfahrung nach) nicht in der angepriesenen „Fail Complilation #32“ erscheinen werden. Des Weiteren tummeln sich dort diese ekelhaften, selbst ernannten „YouTuber“, die sich, wie die ehemals übereifrigen Klassenkameraden, mit schnipsendem Finger und über den Tisch gebeugtem Oberkörper zur Wortmeldung anbiedern, damit sie auch ja nicht übersehen werden.

Es ist einfach zu durchschauen, es geht um Klicks und somit um Geld oder um so viel Klicks, um irgendwann für Geld gefi..geklickt zu werden. „Naja“, denke ich mir in meinem Prokrastinationsmodus, „dann tätige ich doch mal den doppelten Fingerdruck und hoffe mein Ad-Blocker verhindert, dass ich einen Teil des Werbeeinkommens mitfinanziere“. Was ich zu Augen bekomme, ist ein quer über die Stirn hängender Scheitel, der mit aufgeregter Stimme etwas über eingenähte Hilferufe in Billigtops -Wortmeldung sweatshopstyle- plappert. Das Video ist von Schnitten gezeichnet. Fast nach jeder Sprechpause springt der Videoprotagonist aus dem Bild und setzt sofort wenige Millimeter verrückt wieder ein. Ein Gefühl als würde ich auf dem Rücksitz eines Motorrads durch einen Tunnel rasen, ohne den Fahrer zu kennen. Leichte Übelkeit. Zwischendurch zucken Fotos und Videoaufnahmen auf, die mit comicartigen Untertönen und Schriftzügen versehen sind. Dann imitiert der „Darsteller“ mit ein wenig Computertrickserei auch noch einen Dialog, in dem er sich als weitere Personen zu Wort kommen lässt. Als die Zeitleiste auf das Ende zusteuert wird noch mehrfach darauf hingewiesen, ihn und seinen Kanal zu abonnieren, abgeschlossen wird mit irgendeiner belanglosen Frage an die Community, die in der Kommentarliste beantwortet werden soll. Als ich sehe, dass 63.500 der 917.023 Zuschauer ihren Daumen für diesen in die Luft gereckten Zeigefinger nach oben richten, wird mir ein wenig mulmig und ich klappe meinen Laptop zu.

Die Fernbedienung liegt einfach zu griffbereit. Auf einem der mir durchaus sympathischen Spartensendern der Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten laufen gerade die tagesthemen.

„Der Druck auf Putin steigt!“

Den sechsten Tag hintereinander verbrannte Trümmerteile, Gepäckstücke, Personen, die trostlos über die Absturzstelle stolpern, kreischende Mütter mit Fotografien ihrer Kinder in der Hand, Kerzen, Blumen, AKs und Camouflage, sowie Politiker, die sich vor ihren schlaff hängenden Landesflaggen zu Wort melden. Nächste Nachricht, Nah-Ost-Konflikt, el classico. Jetzt sind über 100 als unschuldig betitelte Europäer gestorben, darunter x-Deutsche und der in den Medien nach hinten gerückte Konflikt wird wieder mehrere Tage zum Brennpunkt-Thema. Wie viele schuldlose Menschen in andern „Krisenherden“ auf andere, grausame Weise aus ihrem Leben getreten werden, wird zu dieser Zeit wieder nicht gemeldet. Als ich aus makabrer Neugierde nach aktuellen Kriegen in Afrika google, beziehungsweise duckduckgoe, da ich aus paranoiden Pseudogründen seit Kurzem auf das große G verzichte, bemerke ich, dass selbst über das breitgefächerte Internet nur spärlich konkrete Informationen über die in diesem Augenblick auf dem schwarzen Kontinent geführten Kriege zu finden sind. Wer meldet sich denn dort zu Wort? Warum gibt es darüber keine millionenfach geklickten Videos auf den einschlägigen Plattformen? Ich dachte an das Weiß meiner odt.-Datei und fühlte mich dreckig.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *