Der König der Elfen erzählt – Lesung und Gespräch mit Bernhard Hennen

von Michael Fassel

Mit seiner Lesung zog der deutsche Autor Bernhard Hennen nicht nur eingefleischte Fantasy-Fans in seinen Bann, sondern konnte auch Wissenschaftler aus Germanistik, Anglistik und Romanistik begeistern. Im Rahmen der interdisziplinären Tagung „Die Literatur des Mittelalters im Fantasyroman“ vom 7. bis 9. April an der Universität Siegen gingen sie unter anderem der Frage nach, was die populäre Darstellung des Mittelalters in Romanen wie J. R. R. Tolkiens Klassiker Der Herr der Ringe so erfolgreich macht. Im persönlichen Austausch mit Bernhard Hennen konnten Wissenschaftler wie Fans dem Erfolg des Fantasyromans auf die Spur kommen. Lesung Hennen

Der Raum der Stadtbibliothek in der Siegener Oberstadt füllt sich bis 19:30 Uhr schnell. Die meisten Plätze sind für die Tagungsteilnehmer reserviert, wenige Stühle stehen zur freien Verfügung. Einige Zuhörer müssen stehen, aber eingefleischte Fantasy-Fans halten das souverän aus. Im Foyer ist ein Stand aufgebaut, auf dem verführerisch der neueste Band von Hennens Elfenzyklus Himmel in Flammen, der mindestens den Umfang eines Zauberbergs haben dürfte, zum Verkauf präsentiert wird.

Diesen Band bringt Hennen mit zu seinem Lesepult. Die cremefarbene Wand dahinter und die grünen Pflanzen, die das Pult umrahmen, verleihen der Veranstaltung eine ausgesprochen ruhige Atmosphäre. Auch die sonore Stimme, die jedes Wort so akzentuiert und so zu etwas Besonderem macht, verspricht einen genussvollen Abend. Nach einer kurzen Einführung durch den Moderator Dr. Nathanael Busch wendet sich Hennen vertrauensvoll an sein Publikum und kündigt sofort an, dass er lesefaul sei und lieber mit den Menschen ins Gespräch komme: „Ich hoffe, dass einige Plaudertaschen anwesend sind.“

Zunächst erzählt der Autor – wie aus einem Buch lesend – eine Anekdote von der Mail eines Staatsanwaltes, die er aus Angst tagelang nicht geöffnet hat. „,Was habe ich denn plagiiert?‘, habe ich mich erschrocken gefragt.“ Die furchteinflößende Nachricht habe sich schließlich als ein Fan-Kommentar und der Jurist als aufmerksamer Leser entpuppt. Eine ausführliche Beschreibung seines Arbeitsalltags folgt. Von zehn bis nachts um zwei oder drei Uhr sitze er am Schreibtisch, wünsche sich dabei weitestgehend ungestört zu sein, obwohl ihm seine Kinder stets willkommen seien. Man glaubt, er habe sein Potenzial an Anekdoten bereits jetzt verschossen.

Nach einer guten halbe Stunde folgt die Lesung aus dem zwölften Elfen-Band. Geschickt wählt Hennen eine Textstelle, die wenig kontextuelle Verbindungen zu den 5000seitigen Vorgänger-Werken beinhalten. Fantasy-Fans kommen auf ihre Kosten, als Hennen die Elfen zum Leben erweckt, während es draußen dämmert. Besonders eindrucksvoll ist das Bild vom geschlachteten Schwein, dessen Blut ins Feuer tropft.

Die zweite Fragerunde wird vom Publikum dankbar angenommen. Die Diskussion dreht sich allerdings weniger um die vorgelesene Textstelle, sondern vielmehr um weitere Details des Schreibens. Trotz vorgerückter Stunde werden die Fragen tiefsinniger. So fragt ein Zuschauer, warum die Gewaltdarstellung so unverblümt, so brutal sei. Hennen, der ähnliche Anmerkungen schon öfters gehört haben dürfte, betrachtet die nicht-beschönigende Gewaltinszenierung als elementar für sein Genre: „Es gehört zum Repertoire von Fantasy-Romanen, Konflikte durch Kriege zu lösen.“ Kein Held soll seelisch und körperlich unversehrt aus einer Schlacht kommen. Damit entgeht er dem Vorwurf, kriegsverherrlichend zu schreiben, denn vielmehr sieht der Schriftsteller seine Romane als Anti-Kriegs-Romane. Dies sehen wiederum die Verlage insofern kritisch, als sie Leser verlieren, die sich größtenteils wünschen, dass ihre Helden unverwundet und glücklich aus dem Krieg herauskommen.

Eine weitere Frage zu seiner Recherchearbeit veranlasst ihn wieder zu einer umfassenden Anekdote. So habe nachts ein Lektor bei ihm angerufen und gefragt, woher er eigentlich das Referenzmaterial für die Schwertkampfszenen habe, ob sie aus Hollywoodfilmen stammen würden. Hennen war über diesen impliziten Vorwurf so empört, dass er Ritterspiele auf der Burg Satzvey besuchte. Er stellte sich neben eine Schwertkampftruppe und begann zu schreiben. Die mittelalterlichen Rollenspieler beäugten ihn erst misstrauisch, bis ein Mann mit einem erhobenen Schwert auf ihn zukam und ihn fragte, ob er von der Presse sei. Hennen gab sich nun als Fantasy-Autor zu erkennen, woraufhin der Rollenspieler sehr umgänglich wurde und ihn einlud, sich ein authentisches Bild zu machen. Wenig später fand er sich mit Kettenhemd und Helm bekleidet mitten im Geschehen wieder. „Es war faszinierend“, schwärmt Hennen. „Die Lektorate haben sich danach nie wieder über meine Schwertkampfszenen beschwert.“

Nach der Fragerunde, die sich dann doch etwas in die Länge gezogen hat, greift der Autor erneut zu seinem Roman, um zum Abschluss eine humorvolle Textstelle vorzulesen, die um einiges prägnanter und kürzer, aber nicht minder unterhaltsam als seine ausgiebigen Antworten sind.

Eine kurzweilige Lesung war dieser Abend nicht, denn der Autor erzählte lieber frei aus seiner Arbeit und seinem Leben. Aus dem Elfen-Zyklus haben wir nur einen Bruchteil gehört, was angesichts der 5000seitigen Reihe nicht verwunderlich ist. Die Fantasy- und Hennen-Fans sind trotz oder vielleicht gerade wegen der intensiven Interaktion mit dem Schriftsteller auf ihre Kosten gekommen und haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt zu fragen, was immer sie wissen wollten. Sogar während der Signierstunde hat sich der sympathische Autor für jene Zeit genommen, die sich im Plenum nicht getraut haben, eine Frage zu formulieren.

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