Ein Betonbär als Beispiel – Über das Problem der Schönheit in Siegen

von Christian Schütte

bär

Als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal die Stadt vom Bahnhof bis zur Oberstadt erkundete, fielen mir außer einem Fluss, den man hörte, aber nicht sah, weitere geschmackliche Fragwürdigkeiten auf. Dazu zählte eine unförmige Bärenskulptur aus Beton am unteren Ende der Kölner Straße – mit der zynisch anmutenden Inschrift: „Spandau dankt Siegen“.
Aus dem sich aufbäumenden Betontier schienen gleichermaßen Ungeschick, Verzweiflung und Zorn zu sprechen. Wie zu erfahren war, handelt es sich um ein Geschenk des Berliner Stadtteils: So durften Kinder aus der Frontstadt des Kalten Krieges zum Erholungsurlaub ins Siegerland reisen. Irgendwas muss dabei schiefgelaufen sein, weshalb die Spandauer seinerzeit das plumpe Geschöpf als subtile Rache sandten. Wurden die Jungberliner gegen ihren Willen verschickt? Hat man ihnen in Siegen ein Leid getan?


Weshalb auch immer die Spandauer ihren Unterstützern diesen Bärendienst erwiesen haben – der Umgang mit dem 1974 aufgestellten Klotz verrät einiges über die ästhetische Seele der Stadtbewohner. Sie ist dunkel. Der Siegener möchte, statt auf seinen Fluss zu schauen, lieber auf ihm parken. Wie gut, dass dieser alte Irrtum nun korrigiert und die „Siegplatte“ endlich abgerissen wird! Schon jetzt lässt sich erahnen, welch ein Gewinn der bloße Blick aufs Wasser im Zentrum Siegens sein wird. Einige Altlasten bleiben, der anderthalb Tonnen schwere Betonbär ist eine davon. Nachdem er wegen Sanierungsarbeiten an der Stadtmauer im Mai 2012 evakuiert wurde, droht nun Ungemach: seine Rückkehr.
Etliche Leserbriefschreiber fordern dieser Tage in der Lokalpresse die Rückkehr der vergifteten Gabe an ihren angestammten Platz am Fuße der Oberstadt. In der Online-Umfrage der Westfalenpost sprechen sich mehr als 60 % dafür aus. Die Schönheit des Objekts ist dabei nicht der Grund, ein Bär ist schließlich keine Ballerina. Das fette Ungetüm soll einfach dort stehen, weil es „schon immer“ dort gestanden habe. Konservatismus ist ja hauptsächlich Selbstzweck.
Was spricht sonst dafür? Der Gruß aus der Hauptstadt mag als Hauch der großen weiten Welt empfunden werden. Doch ist es wirklich erhebend, als Entsorgungspark für missratene Tierskulpturen zu dienen? Und wer hat – Hand auf Herz – noch nie ein geschmackloses Geschenk heimlich in die Mülltonne gleiten lassen? Nun, da eine öffentliche Debatte längst angezettelt ist, könnte solches die „Partnerstadt“ allerdings verprellen.
Wohin aber sonst mit dem Tier? Vor das hübsch restaurierte Mauerwerk am Kölner Tor soll das graue Scheusal nicht mehr. Jedoch ist die Gegend rund um den Bahnhof ohnehin optisch ein verlorenes Terrain; den Bären neben der abstoßenden „City-Galerie“ auszuwildern, ist deshalb immerhin ein vernünftiger Vorschlag.
Die Schönheit einer Stadt ist immer das Ergebnis der Haltung ihrer Menschen. So auch in Siegen. Leider, denn hier gilt: Nur der Nutzen zählt, Ästhetik ist kein Argument. Dass man etwas baut, weil es schön ist, und anderes wegschmeißt, weil es hässlich ist, scheint ein ebenso unbekannter wie beunruhigender Gedanke zu sein. Zwar können sich auch an grässliche Gegenstände sentimentale Erinnerungen hängen, und manch Siegener mag in den letzten vierzig Jahren eine emotionale Beziehung zu dem pummeligen Untier aufgebaut haben. Dennoch ist immer Zeit, ästhetische Fehler von früher zu korrigieren. Diese Stadt muss schöner werden – und wird es in diesen Jahren zum Glück bereits. Deshalb wäre die beste Antwort auf die Bärenfrage eine gründliche Verschönerungsmaßnahme: Weg mit dem Vieh!

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