Frank Schätzing, Désirée Nick und „Graf von Stauffenberg“ – So vielseitig war die Frankfurter Buchmesse 2018

Ein subjektiver Nachbericht von Michael Fassel

Freitag, 12. Oktober: Nebelbänke lösen sich langsam auf, während die ersten Sonnenstrahlen die bunten Baumkronen in ein bernsteinfarbenes Licht tauchen. Da hebe auch ich mal den Blick länger von Frank Schätzings wuchtigen Thriller Die Tyrannei des Schmetterlings (ein Titel, der jedoch diesen friedvoll anmutenden Oktobertag einen bitteren Beigeschmack gibt) und lasse meinen Blick über die Landschaft zwischen Siegen und Frankfurt schweifen. Nichtsdestotrotz genieße ich die Farbenpracht sämtlicher Gelb- und Rottöne, die langsam an mir vorüberziehen. Dazu gesellt ist die freudige Erwartung auf die Frankfurter Buchmesse, die offenbar den azurblauen Tag für sich gepachtet hat. Auf der Außenanlage des Messegeländes tummeln sich viele Menschen mit Kaltgetränk und Eis und lassen sich die wärmende Sonne ins Gesicht scheinen. Ein Szenario, wovon manche Sommerfeste nur träumen können.

Zurück zur Literatur mit ihren diesjährigen Neuerscheinungen, die so mannigfaltig, kontrovers, friedvoll, gelungen, ungelungen, verlogen, ehrlich oder wie auch immer sind. In der Berichterstattung der ersten zwei Tage der Buchmesse haben sich die Medien doch mal wieder allzu oft auf den Rechtspopulismus fokussiert – als würden die rechten Verlage das dortige Treiben dominieren. Und bei all der gesellschaftlichen Beunruhigung und zunehmender Verrohung in der politischen Streitkultur tut ein spitzzüngiges Kabarett sehr wohl, das unter anderem genau diese Entwicklung scharf konterkariert. Das wortgewaltige Kaliber Désirée Nick stellt im Yogi-Tee-Zelt ihr neues Buch Nein ist das neue Ja. Warum wir nicht alles abnicken müssen vor. Für manche eine nette Unterhaltungslektüre, für andere vielleicht sogar ein Ratgeber. Welche genretheoretische Lesart auch man an diesen Text heranträgt, witzig ist er und enthält überdies einen wahren Kern, ja, einen Spiegel, in den man sich irgendwann wiederfindet. Warum nicht einfach ein klares Nein formulieren? Und schon hab ich mich erwischt. Warum ignoriere ich Anfragen von einem unbekannten Vermögensberater, der sich überdies noch erdreistet, mir bei WhatsApp Sprachnachrichten zu senden (kein Scherz!), anstatt ihn mit einem möglichst unfreundlichen, aber gepflegten Nein in seine Schranken zu verweisen? In mir brodelt schon der Nick-Effekt, den die sympathische Berliner Kodderschnauze in mir entfacht hat. Fast schon magisch.

Magisch sind auch Momente, in denen Frank Schätzing, dessen neuen Thriller ich schwergewichtig in meiner Tasche trage, mir dreimal über den Weg läuft. Zu gerne hätte ich nach einer Signatur gefragt – wäre es nicht das ausgeliehene Exemplar der Universitätsbibliothek Siegen. Wieder ein Grund mehr, sich die guten Bücher zu kaufen. Auch das Ehepaar Aleida und Jan Assmann, die in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verdientermaßen erhalten haben, hätte ich gerne ein paar Fragen gestellt zu ihren einflussreichen Schriften zum kulturellen Gedächtnis. Ihre kulturwissenschaftlichen Texte habe ich nicht nur zu Studienzwecken gelesen, sondern darüber hinaus auch aus eigenem Interesse als eine sprachlich präzise Lektüre genossen und hoffe weiterhin auf ebenso inspirierende wie anspruchsvolle Gedanken zu dieser spannenden Thematik.

Und auch mein Areal des kulturellen Gedächtnisses wird aktiviert, als da ein Mann in Wehrmachtsuniform und schwarzer Augenklappe erscheint. Unter dem Arm trägt er eine Aktentasche… „Graf von Stauffenberg“, denke ich wie viele, die rasch einen Zusammenhang zum Besuch von Björn Höcke darstellen. Hinter der Verkleidung verbirgt sich Martin Sonneborn, EU-Abgeordneter und Gründer der Satire-Partei „Die Partei“, der dem AfD-Mann auf eine originelle Weise die Show stiehlt.

Neben all dem Trubel bietet der Raum des diesjährigen Gastlandes Georgien einen meditativen Gegenpol. Der Salon war im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als Frankreich zu Gast war, kaum wiederzuerkennen. Kunstvoll sind dort alle 33 Buchstaben des georgischen Alphabets überdimensional aufgestellt. Da zieht man sich gerne zum Atemholen hin zurück, wenn einem das turbulente Treiben auf dem Messegelände zu viel wird.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *