Zwischen Bachelor- und Masterbürokratie

von Lisa Pilhofer

Ich gehöre zu den Leuten, die von dem Bachelor-Master-System nicht sonderlich begeistert sind. So wie ich das verstanden (und auch unter www.bachelor-studium.net nachgelesen) habe, dient die Umstellung von Diplom und Magister auf Bachelor/Master dem schnelleren Einstieg ins Berufsleben, der flexibleren Gestaltung des Studiums und vor allem der Vereinheitlichung des Abschlusses, der international anerkannt wird und einen besseren Austausch zwischen Universitäten möglich macht. Das heißt, man kann seinen Master auch an einer anderen Universität machen, man besitzt ja dieselben Voraussetzungen.
Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht leider ganz anders aus.
Schneller Berufseinstieg? Als ich mich nach dem Bachelor in Literaturwissenschaft bei Verlagen bewerben wollte, hieß es überall, sie wollen nur Master-Absolventen. Und nicht alle boten eine feste Stelle an, geschweige denn ein bezahltes Volontariat. Nein, als Master-Absolvent sollte man noch ein (unbezahltes) Praktikum machen!
Flexiblere Gestaltung des Studiums? Anwesenheitslisten würde ich nicht als flexible Gestaltung bezeichnen, dass ist eine Maßnahme, die man an Schulen anwendet. Das Studium sollte doch eigentlich selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Lernen sein, wir sind doch keine kleinen Kinder oder rebellierende Pubertäre mehr, bei denen man schauen muss, ob sie auch brav ihre Hausaufgaben machen! Und was soll an den Modulen flexibel sein? Im Laufe meines Bachelor- und Masterstudiums hatte ich Kommilitonen in literaturwissenschaftlichen Seminaren, die nichts damit anfangen konnten! Weil sie z.B. Lehramt studierten und sie schon von Praktika in Schulen wussten, dass sie dieses literaturwissenschaftliche Wissen nie anwenden müssen. Oder Kommilitonen aus dem Studiengang Sprache und Kommunikation im Beruf, die in einem englischen Literatur-Seminar waren, wegen der „Sprachpraxis“ (wir haben Englisch gesprochen, aber über Dinge, die eigentlich nur für Literaturstudenten interessant sind).
Aber die größte Lüge ist die Vereinheitlichung des Abschlusses, die internationale Anerkennung und der leichtere Austausch zwischen Universitäten. Wer kennt das nicht: Ein Austauschsemester in Spanien gemacht und vielleicht nur einer der dort fünf belegten Kurse kann in Deutschland angerechnet werden.
Dass man seinen Master woanders machen kann, ist auch Schönmalerei. Im Allgemeinen sollte ein Bachelor-Studium aus 180 und ein Masterstudium aus 120 so genannten Credit-Points bestehen. Ich habe meinen BA an der Uni Erfurt gemacht. Dort waren die ersten zwei Semester eine „Orientierungsphase“, d.h. die Noten, die man in dieser Zeit bekam, konnten alle grottenschlecht sein, sie gingen nicht in den Gesamtdurchschnitt am Ende mit ein. Es ging da nur ums Bestehen. Das führte allerdings dazu, dass dem BA 60 CPs fehlten, es wurden ja nur 120 berücksichtigt. Doch die Uni Erfurt erklärte uns, weil man sich an anderen Unis nicht mit nur 120 CPs im BA bewerben kann, werden die 60 CPs einfach mit aufs Zeugnis geschrieben, damit dort insgesamt 180 CPs stehen. So ist es den Bachelor-Absolventen aus Erfurt möglich, auch an anderen Unis den Master zu machen. Doch hier merkt man schon: sich Punkte anrechnen zu lassen scheint nicht so einfach zu sein. Es gibt nämlich auch andere Beispiele, wie die Uni Aachen.
Ich weiß von einigen Maschinenbaustudenten aus Siegen, dass sie gerne ihren MA in Aachen machen wollen, weil die TU dort so einen guten Ruf hat, das Studium dort anspruchsvoll ist und man angeblich mit einem Abschluss in Aachen sehr gute Berufschancen hat. Nun ist es leider so, dass der BA Maschinenbau in Aachen nicht 180 CPs umfasst, sondern 210. Um in Aachen seinen MA machen zu können, müssen 120 CPs der Grundlagenmodule des BAs vergleichbar mit den Leistungen des BAs in Aachen sein. Dazu gehören:

Modul

CP

Mechanik I – III

18

Maschinengestaltung I – III und CAD-Einführung

13

Thermodynamik I – II

7

Wärme- und Stoffübertragung

6

Werkstoffkunde I – II

8

Regelungstechnik

6

Strömungmechanik I

6

Mathematik I – III

17

Der BA in Siegen sieht aber so aus:

Modul

CP

Mathematik A – C

22

Naturwissenschaften für Maschinenbau

8

Informatik I – II

5

Technische Mechanik A – C

15

Numerische Verfahren

5

Technische Thermodynamik

5

Strömungslehre

5

Elektrotechnik

8

Mess-/Regelungstechnik I – II

5

Laborarbeit

4

Werstofftechnik I – II&Werstofftechnik-Praktikum

9

Wahlmodul: Maschinendynamik oder Wärmeübertragung

5

Technische Darstellung

5

Maschinenelemente I – IIA und IIB

9

Rechnerunterstütztes Konstruieren I – II

4

Fertigungstechnik&Produktentwicklung

9

Vertiefung

23

Fachübergreifende nichttechnische Fächer

9

Praktika, Projektarbeiten, BA-Arbeit

25

Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung von Maschinenbau, daher weiß ich auch nicht, welche Module in Siegen zu welchen Modulen in Aachen äquivalent sind. Aber selbst der Laie kann sehen, das Siegen wesentlich mehr CPs in Mathematik hat als Aachen, dafür aber 1,0 CP weniger in Strömungslehre bzw. -mechanik. Inwiefern das verglichen wird, obliegt dem Prüfungsausschuss der TU Aachen. Dieser „kann eine Zulassung mit der Auflage verbinden, bestimmte Kenntnisse bis zur Anmeldung der Masterarbeit nachzuweisen. Art und Umfang dieser Auflagen werden vom Prüfungsausschuss individuell auf Basis der im Rahmen des vorangegangenen Studienabschluss absolvierten Studieninhalte festgelegt, dies geschieht in Absprache mit der Studienkoordinatorin bzw. dem Studienkoordinator bzw. der Fachstudienberaterin bzw. dem Fachstudienberater. Für Absolventen eines 6-semestrigen Bachelorstudiums legt der Prüfungsausschuss Leistungen im Umfang von mindestens 30 CP fest, die bis zur Anmeldung der Masterarbeit nachzuweisen sind. Sind aufgrund der Differenzen in den in Absatz 2 definierten fachlichen Grundlagen weitere Auflagen im Umfang von mehr als 30 CP notwendig, ist eine Zulassung zum Masterstudiengang Allgemeiner Maschinenbau nicht möglich.“
Mit anderen Worten: Obwohl man den Bachelor in Maschinenbau hat und damit die vereinheitlichte Voraussetzung für den Master, muss man in Aachen Punkte nachholen. Dafür hat der Master in Aachen nur 90 CPs statt 120.
Deutschland scheint also mit den Unis das gleiche Problem zu haben wie mit den Schulen: Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen und jede Schule/Uni in diesen Bundesländern geben jeweils ihre eigene Würze dazu. Das Resultat ist weder Vereinheitlichung noch Anerkennung noch besserer Austausch noch höhere Flexibilität noch schnellerer Berufseinstieg. Es ist Uneinheit, Ablehnung, Einseitigkeit, Bewegungslosigkeit und sofortige Beantragung von HartzIV. Es wird immer wieder betont, dass es im Studium ja nicht nur um die Leistungsgpunkte geht. Man soll seinen Horizont erweitern, sich engagieren, was lernen und es in die Praxis umsetzen können, Dinge ausprobieren und nicht nur den CPs hinterherrennen. Doch genau das muss man im BA/MA machen. Ich würde glatt behaupten, dass das Bachelor-Master-System in Deutschland gescheitert ist.

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