Von unten betrachtet

Lisa Pilhofer

Ich bin klein. Ich messe stolze 1 Meter 43. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass das in etwa der Durchschnittsgröße einer Zehnjährigen entspricht. Ich habe immer noch das Vergnügen, Kleidung in der Kinderabteilung einkaufen zu können, was zugegebenermaßen in finanzieller Hinsicht recht praktisch ist, aber auf die Dauer doch deprimierend sein kann, wenn die meisten der Klamotten pink sind (Mädchen mögen ja angeblich nur Pink). Vor allem schmerzt es, wenn man Kleidungsstücke trägt, bei denen auf dem Waschzettel die Größe und das dazu passende Alter steht (bei mir ist das meistens zwischen 134 und 152, was in etwa 9–12 Jahren entspricht).

Zugegeben, ich sehe wirklich noch recht jung aus, aber es gibt Situationen, in denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll:

Bis ich 20 Jahre alt war, habe ich in Restaurants, wenn ich mit meiner Familie essen war, nach dem Essen immer noch einen Lutscher oder ein paar Bonbons bekommen. Dabei hätte ich viel lieber auch einen Schnaps getrunken… oder Lutscher und Schnaps…

Im März, als ich mit meiner Familie beim Griechen essen war, haben alle als Aperitif einen Ouzo bekommen – und ich ein Schnapsglas mit Sprite, serviert mit den Worten „Sie ist ja noch zu klein dafür“. Aus Trotz habe ich dann ein Glas Wein bestellt (obwohl ich eigentlich lieber Orangensaft wollte) und wir konnten den Kellner überzeugen, dass ich schon 26 war. Einmal wollte mir eine Bedienung auch die Kinderspeisekarte und ein Malbuch mit Buntstiften andrehen (damit ich mich brav beschäftigen kann, während sich der Rest meiner Familie über Erwachsenenthemen unterhält) – da war ich 19.

Besonders schön ist es auch, mit meiner Mutter auszugehen, vor allem ins Kino. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, dann werde ich so gut wie nie nach meinem Alter gefragt. Da nimmt man wahrscheinlich an, dass ich alt genug bin, um abends auszugehen. Mit meiner Mutter ist das anders. Zu „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“ wollte man mich nicht reinlassen (der war ab 12 und ich war schon 14); und bei „Avatar“ (ich war 21) wurde meine Mutter von der besorgten Kartenverkäuferin darauf hingewiesen, dass der Film sehr gewalttätige Szenen enthält, die mich verstören könnten (wenn die gewusst hätte, was ich da schon alles an gewalttätigen Szenen gesehen habe, ohne jegliche traumatische Nachwirkungen davonzutragen!).

Als ich auf der Abi-Abschlussfahrt (Lloret de Mar, wo auch sonst) mit in eine Disko wollte, hat mir der dicke Türsteher den Eingang versperrt. Alle vor mir hat er reingelassen und bei mir hat er direkt – kopfschüttelnd und mit dem Finger auf mich zeigend – gesagt: „Nein, die nicht!“ Erst, als ihm einer unserer Reiseorganisatoren versichert hat, dass ich zu diesem Abi-Jahrgang gehöre, durfte ich rein.

Als ich angefangen habe zu studieren (ich war 21) und zu einem freiwilligen Tutorium für Geschichte der Philosophie gegangen bin, dachte die Tutorin, ich wäre von der Kinder-Uni und hätte mich verlaufen.

Als ich mit meinen Eltern bei einer Bilderausstellung war und sie sich dort mit der Ausstellerin unterhalten hatten, hat mich diese plötzlich in den Arm genommen und mich gefragt, in welche Klasse ich denn gehe (ich war 22). Es gibt teilweise immer noch Leute, die aus irgendwelchen Gründen das Bedürfnis haben, mir über den Kopf zu streicheln und mich nach meinen schulischen Erfolgen zu fragen…

Erst letztens wurde ich bei Kaufland an der Kasse von einem anderen Kunden angesprochen mit „Oh, ich dachte, das wäre ein Kind!“ Auf höfliches Verneinen meinerseits wurde ich trotzdem noch gefragt, ob ich „ein Liliput oder so“ sei. Das sind so Momente, in denen ich es sehr bedaure, gut erzogen worden zu sein.

Ich weiß, es gibt etliche Mädchen beziehungsweise junge Frauen, die nicht viel größer sind als ich oder die sogar noch kleiner sind, und dieselben Probleme haben. Ein kleiner Mann zu sein ist ja auch nicht leicht. Es hat bei mir sehr lange gedauert, diese Situationen mit Humor zu nehmen und bis ich mich nicht mehr darüber geärgert habe. Ein paar einfache Sinnsprüche können da sehr motivierend wirken: „Ich bin nicht klein – ich nur bin aufs Beste reduziert.“

 

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