Gib mir Buch!

von Lisa Pilhofer

Diese Sätze hat bestimmt jeder irgendwann schon mal in verschiedener Form gehört:

„Isch geh Schule.“

„Lan, gibt mir Stift.“

„Bist du Bahnhof?“

‚Übersetzt‘ bedeuten das schlicht:

„Ich gehe zur Schule.“

„Ey, gib mir den Stift.“ und

„Bist du am Bahnhof?“

Was fällt auf? Die Präpositionen und Artikel wurden komplett weggelassen. Dieses Weglassen nennt die Soziolinguistin Diana Marossek in ihrem Buch Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? „Kontraktionsvermeidung“. Die Berlinerin präsentiert hier die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit zum Phänomen der verkürzten Sprache auf unterhaltsame und für den Laien verständliche Weise. Dieses „Kurzdeutsch“, wie sie es bezeichnet, wird mittlerweile nicht nur von Jugendlichen mit vorwiegend türkischem bzw. arabischem Migrationshintergrund gesprochen, sondern hat langsam seinen Weg in die deutsche Umgangssprache gefunden. Um herauszufinden, warum das so ist, wie es dazu gekommen ist und wie es im Alltag gebraucht wird, hat sich die Autorin in mehreren Berliner Schulen als Referendarin ausgegeben und fleißig die Konversation innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers dokumentiert.

Doch nicht nur in der Schule, auch im Supermarkt, in der U-Bahn oder im Fahrstuhl traf sie auf Dialoge mit verkürztem Satzbau. Besonders für mich als gebürtige Berlinerin ist auch die Beobachtung interessant, wie ähnlich der Berlinerische Dialekt dem „Kurzdeutsch“ ist: „Mama ist auf Arbeit“ und „Ich bin mit Auto“ sind im Berlinerischen vollkommen korrekte Sätze, ich selbst habe noch nie „Mama ist auf der Arbeit“ oder „Ich bin mit dem Auto da“ gesagt.

Im Buch geht es auch um Sätze wie „Ich schwöre, du nervst.“ Ausrufe dieser Art wird wohl auch jeder schon mal in irgendeiner Form gehört haben. Hierbei wird der Satzteil „ich schwöre“ in der Sprachwissenschaft als Routine bezeichnet, es ist mehr eine Art Floskel wie „Kein Problem“ oder auch „Wie geht’s?“ Es geht also nicht darum, tatsächlich etwas zu schwören, sondern etwas zu betonen, das der Sprecher als wahr und wichtig verstanden haben will. Das häufige Auftauchen von Wörtern wie „Spast“, „Opfer“, „Missgeburt“ oder Sätzen wie „Ich fick deine Mutter“ gehören zu rituellen Beschimpfungen. Dabei macht der Ton die Ernsthaftigkeit der Beleidigung aus, solche Ausdrücke sind angeblich nicht abwertend gemeint.

Marossek scheint die Entwicklung von Kurzdeutsch in die deutsche Umgangssprache nicht problematisch zu sehen – Sprache ist schließlich permanent Veränderungen unterworfen, was nicht per se schlecht sein muss. An dieser Stelle kann ich schon die Gegenmeinungen hören:

‚So kann man doch nicht reden!‘

‚So werden die nicht ernst genommen, finden nie einen Job!‘

‚Dass so was in der Schule zugelassen wird!‘

‚Die Deutsche Sprache stirbt aus!‘

Ich kann diese Haltung verstehen. Für einen Sprachwissenschaftler ist der Wandel von Sprache sicherlich durchaus spannend. Für den Otto-Normal-Bürger muss das allerdings nicht gelten. Aber das „Kurzdeutsch“, wie auch jede andere Form von Umgangssprache oder Jugendsprache, wird ja nur im Alltag gesprochen, unter Leuten, die genauso sprechen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, sei er Deutscher oder mit Migrationshintergrund, jemals so mit seinem Chef oder einer Servicestelle oder mit flüchtigen Bekannten reden würde. Die Jugend von früher hat auch bestimmte Begriffe benutzt („schnieke“, „Sockenschuss“, „Macker“, „Mufti“ o.Ä.) die sie nie in Unterhaltung mit Erwachsenen bzw. Vorgesetzten benutzt haben, und die heutzutage niemand, nicht einmal diese Generation, mehr verwendet. Die Sprache hat also nicht gelitten. Sie hat sich erweitert.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich bei einem Dialog-Beispiel im Klassenzimmer zum Text „Der Fischer und seine Frau“ doch etwas erschrocken war. Nicht so sehr über das „Kurzdeutsch“ der Schüler, sondern vielmehr über den Umstand, dass die Lehrerin den Satzbau der Schüler offenbar nicht verbessert hat:

Lehrerin: Was bezweckt der Mann, als er sagt, dass er ans Wasser will?

Ali: So ein Assi, sagt, er geht Wasser. Ich wär Bar gegangen oder so.

Marco: Du Spast, was soll er denn Bar? Die Geschichte ist Mittelalter, Mann!

Unur: Der Mann will gar nicht Wasser, er will nur kuscheln oder so.

Lehrerin: Sehr gut. Was meinst du, Jenny? Warum will er ans Wasser?

[…]

Jenny: Also ich denke, dass er Meer geht, weil er so alleine ist. Und seine Frau Abendessen immer weg ist.

Denn wenn diese Jugendlichen auch als Erwachsene so reden und kein Code-Switching mehr können, dann stelle ich mir zukünftige Unterhaltungen mit ihnen sehr anstrengend vor.

Ob man nun die Sprachveränderung fürchtet oder feiert: In Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? stößt man auf zahlreiche Situationen, die einem auf kuriose Weise bekannt vorkommen, was unglaublich amüsant ist und auf alle Fälle lesenswert.

Diana Marossek, Kommst du Bahnof oder hast du Auto? Warum wir reden, wie wir neuerdings reden, erschienen im Hanser Verlag Berlin.

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