Nika Bertram liest aus „Ich sage blau“

von Viviane-Viola Haase

Über die Lesung „Glühwein am Great Barrier Reef“ im „Adventure Holidays“ in Köln (11.12.2012)

Ein Reisebüro. Moderne Möbel, Prospekte, Plakate, Palmen. Das Adventure Holidays. Holzklappstühle, Koalas, Fischernetze und ein Duft von Heidelbeerpunsch. Damit begrüßt mich das außergewöhnliche Reisebüro zur Lesung von Nika Bertram aus ihrem neuen Buch „Ich sage blau“. Auf meinem Klappstuhl in der zweiten Reihe werde ich von einem bunten Durcheinander der Wahrzeichen Australiens umgeben. Eine riesige Flagge, Autokennzeichen an der Wand und ein flauschiger Koala. Die zahlreichen Wanduhren erzählen die Uhrzeiten der Welt und von einem großen Schrank aus beobachtet mich ein Hai. Ich fühle mich wie im Wohnzimmer eines Weltenbummlers und nur der Duft vom Punsch erinnert mich daran, dass ich mich im vorweihnachtlichen Köln befinde. Der Bogen von Teelichtern, der in der Form des Tisches verläuft, an dem Nika Bertram sitzt, wirkt wie eine kleine Schutzmauer vor der Schriftstellerin. Zurückhaltend lächelt sie durch den Lichtbogen hindurch, bevor sie anfängt, eine erste Passage aus ihrem Buch zu lesen. Wir Zuhörer erleben die Wünsche und Sehnsüchte der Protagonistin, die sich im Flugzeug auf dem Weg nach Australien befindet. Auch die Stewardess sei mit uns im Raum, so Nika Bertram, denn die lebensgroße Pappfigur in der rechten Ecke des Raumes sehe der hübschen Asiatin verblüffend ähnlich. Wir erfahren viele Details der Geschichte, aber ebenso über die Verbindung Nika Bertrams zu Australien. Auch für sie selbst war ihre Reise in dieses Land ein Selbstfindungstrip, von dem sie entspannt zurückkehrte, da dort, wie sie selbst formuliert, echt was passieren könne. Und zwar nicht zuletzt auf der Toilette. Denn da haben die Australier sogar Spinnen. So echt und direkt berichtet sie von ihren Erfahrungen und denen der Protagonistin.

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Heute gegen Abschiebung – wie eine Studentin die Welt verbessern will

von Jana Gliese

Samba-Trommel und Trillerpfeife sind die Waffen der 24-jährigen Ronja in ihrem politischen Kampf

Im Schnellschritt laufen die Reisenden mit ihren Koffern und Taschen ins Düsseldorfer Flughafengebäude. Ronja lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie hat sich mit ihren Leuten vor dem Eingang „Terminal B – Ankunft“ verabredet, um sich in Ruhe vorzubereiten. „Wir sind sieben aus der Samba-Gruppe. Hier ist der Rucksack mit den Sachen.“

Ronja ist 24 Jahre alt und studiert im siebten Semester Medizin. Sie ist groß und schlank. Ihr helles, reines Gesicht und die grünen Augen strahlen Freundlichkeit aus; die blonden Dreadlocks hat sie am Hinterkopf zusammengebunden. Sie trägt pinkfarbene Gummistiefel. Unter dem etwas zu weiten Rock kommt eine geringelte Strumpfhose zum Vorschein. Auf ihrem Rücken klebt ein silbernes Pappschild mit der Aufschrift „Bleiberecht überall“. „Nur noch die Trillerpfeife und dann los“, sagt Ronja aufgeregt. Die sechs anderen greifen in den Rucksack und schmücken sich mit rosa sowie silbernen Ketten und Federn. Vor ihnen liegen Trommeln und Rasseln.

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Hollywoods biggest liar – Die Stummfilmdiva Pola Negri

von Minou Wallesch

Im Hollywood der 20er Jahre war sie ein Star. Heute kennt sie kaum noch jemand. Daniela Dröscher hat über die vergessene Stummfilmdiva Pola Negri einen Roman geschrieben. Aus „Pola“ las sie im New Orleans.

In Hollywood war sie ein Star. Dann machte der Tonfilm ihrer Karriere den Garaus. Heute ist sie in ihrer Heimat Polen eine Legende. Sonst kennen ihre Filme nur wenige. Pola Negri ist eine zu unrecht vergessene Hollywoodlegende, sagt Daniela Dröscher. Sie liest im New Orleans aus ihrem Roman „Pola“. Darin zeichnet sie ein Bild der harten Realität des ausbleibenden Ruhmes und einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Eingeladen wurde sie vom Projektseminar der Uni Siegen.

Daniel Dröscher stellt sich die Freundschaft mit der Stummfilmdiva Pola Negri sehr schwierig vor. Vielleicht wäre Pola eher eine abgebrühte Schwester, mit der man nicht immer einverstanden ist, von der man aber nicht loskommt. Dröscher ist für ihren Roman über die polnische Stummfilmdiva der 20er Jahre nach Polen an die Orte von Polas Kindheit gereist. Sie hat ihre Memoiren gelesen und vieles, das von anderen über sie geschrieben wurde. Doch der Roman handelt vor allem von Polas Untergang.

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Vom überzeugten Offizier zum Kriegsdienstverweigerer

von Lena Rippe

Seit gut eineinhalb Jahren ist die Wehrpflicht in Deutschland Geschichte. Die Bilanz: Rund ein Viertel der freiwillig Wehrdienstleistenden quittiert den Dienst vorzeitig und ohne große Erklärungen. Doch was passiert mit denjenigen, die sich nicht wenige Monate, sondern 13 Jahre für den gut bezahlten Staatsdienst verpflichtet haben und nun raus wollen? Wie schwer es Offiziersanwärtern gemacht wird, zeigt der Besuch bei einem, der den Ausstieg geschafft hat.

„Die spielen ein Jahr ein bisschen Krieg und können jederzeit gehen. Und wir sind gefangen im System.“ Georg Bösmann* sitzt verärgert in seinem ehemaligen Kinderzimmer. An die weißen Wände ist mit blauer Farbe ein Alpenpanorama gemalt. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr musste er nur aus dem Fenster gucken, um sie zu sehen. Heute erblickt er draußen das graue Bremer Nieselwetter.

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Zwischen Weinflaschen und Badelatschen. Eine serbisch-orthodoxe Taufe in der Diaspora Deutschland

von Marijana Bojanic

Christliche Taufe einmal anders: Marijana Bojanic berichtet von einem Ritus, bei dem Priester verheiratet, Flipflops erlaubt, aber Hosengürtel verboten sind

Die Kirche ist leer und wird nur durch Altarkerzen beleuchtet. Auf den Bänken liegen bunte Sitzkissen, ganz am Rand liegt ein rotes Kissen mit Coca-Cola-Schriftzug. Neben einer Ikone des heiligen Michael steht eine verstaubte Plastikorchidee auf dem Regal.

Heute wird eine ganze Familie getauft: Vater, Mutter, Tochter. Ein christlicher Ritus mal ganz anders. „Hast du alle Weinflaschen dabei?“ Frau Vukotic spricht in schnellem Serbisch zu ihrer Tochter Nevenka und kramt zwischen Handtüchern und Ölflaschen im Kofferraum her-um. Diese Feier macht sie ganz nervös. In ihrer Heimat Montenegro war sie als Kind nicht getauft worden, dazu lebten sie und ihre Familie zu weit abseits in einem kleinen Dorf. Dort gab es nicht einmal Strom- und Wasserleitungen. Doch in Deutschland haben sie und ihre Familie jetzt die Chance dazu.

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