Revolution auf Rezept

von Christian Bocksch

Oftmals passieren die wirklich entscheidenden Veränderungen an Orten, wo man so etwas zuletzt erwarten würde. Aber trotzdem, es gibt sie, und ich war vor nicht allzu langer Zeit an einem Refugium des geistigen Austauschs.
Die Praxis des Orthopäden lag etwas versteckt, und der Schock, bereits nach zwei Wochen einen Termin bekommen zu haben steckte mir noch in den Knochen. Ich trat an die Anmeldung heran, dahinter eine Sprechstundenhilfe, die Wörter in die Tastatur ihres Computers stanzte. Die Minuten vergehen, bis ich meinen ganzen Mut zusammen kratze und frage: „Hallo….Äh….Also ich wollte….Ich meine sollte…Hmm.“
„Ich bin nur Telefon“, unterbricht mich die Stimme meines Gegenübers. Weiterlesen

Der Destroyed-Effekt

von Lisa Pilhofer

Im Allgemeinen bin ich kein besonders risikofreudiges Kind gewesen und meine Bereitschaft zu Unternehmungen, bei denen meine Kleidung arg in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, verringerte sich mit zunehmendem Alter. Dennoch kann ich mich erinnern, dass ich mich bis zur siebten Klasse – wo das Aussehen plötzlich von Bedeutung war – nicht wirklich darum gekümmert habe, was ich anziehe, ob mein ‚Outfit‘ zusammenpasst und welche Aktionen ich darin besser nicht ausführen sollte. Ich kroch durch Erde und Gras, blieb an Büschen hängen, stolperte, wurde im Spiel am Hemd gezogen, beim Malen tropfte Farbe auf die Kleidung, ich rannte, bis die Füße qualmten und hatte die Taschen voller Kleinigkeiten, die ich im Laufe des Tages eingesammelt hatte. All das hinterließ Spuren, an denen man mehr oder weniger nachvollziehen konnte, welche Abenteuer hinter mir lagen: Weiterlesen

Fortsetzungsroman Kreuzfahrt

Kapitel 6

von Lisa Pilhofer

Maria öffnete die Tür einen kleinen Spalt und statt des seltsamen Ehepaars erblickte sie ihre roten Pumps, hochgehalten von ihrem vermeintlichen One-Night-Stand, der sie schüchtern angrinste. Verdutzt öffnete sie die Tür weiter und starrte abwechselnd auf ihre Schuhe und den grinsenden Pianisten. Zuerst freute sie sich, die schönen Pumps wiederzubekommen, und sie wollte schon die Arme ausstrecken, um sie entgegenzunehmen, einhergehend mit kurzen, aber freundlichen Worten des Dankes. Doch ein plötzlicher Gedanke verhinderte diese Geste: Woher hatte er jetzt ihre Zimmernummer? Kannte hier denn jeder ihre Zimmernummer? Ist in der letzten Nacht mehr passiert, als ein kleiner One-Night-Stand? War sie jetzt die Schiffs-Schlampe? Sie wurde wieder nervös und war kurz davor, die Tür sofort wieder zu verschließen. Ihr Schweigen verunsicherte den Pianisten und sein Grinsen erschlaffte. Weiterlesen

Lutherlöffel und Altbier

von Laura Schönwies

Goethe ein Luther-Experte? Ja, sagt Dr. Heike Spies, Stellv. Direktorin des Goethe-Museums in Düsseldorf. Sie konzipierte die Ausstellung „Bibel, Sprache, Wahrhaftigkeit. Goethe und Luther“. Und immerhin feierte der Dichter zu Lebzeiten 300 Jahre Reformation. Die Literalisten haben die Ausstellung besucht. Dazu eine Wortmeldung von Laura Schönwies.

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Schön untot

von Christian Bocksch

„Rebel Without A Cause“ sollte im Fernsehen ausgestrahlt werden, und so zappte ich in freudiger Erwartung dieses Klassikers auf eines dieser Programme, die scheinbar aus 90 Prozent Werbung bestehen. Schlagartig wurde mir bewusst, wie alt ich geworden war, ohne es überhaupt zu merken. Die Welt der Kinderspielsachen hatte sich in den letzten Jahren verändert. Ich erinnere mich noch an Torwände und kleine Revolver-Attrappen, die knallten. Inzwischen stehen allen Nachwuchs-Freizeit-Söldnern und Partisanen, klobige  Projektilwaffen mit Infrarotoptik und GPS gestützter Steuerung zur Verfügung. Überraschend ist das nicht, in einer gefährlichen Welt braucht man keine Revolverhelden, sondern Black-Ops. Weiterlesen

Tote und ausgestorbene Helden der 90er Jahre

von Michael Fassel

Manchmal ist ein Besuch bei YouTube wie in einer alten Fotokiste stöbern – man trifft auf teils bekannte und vergessene Gesichter aus der Vergangenheit. Obwohl ich nach etwas anderem gesucht habe, bleibe ich oft bei den Highlights des Kinder- und Jugendprogramms der 90er Jahre hängen. Weiterlesen

Fortsetzungsroman Kreuzfahrt

Kapitel 5

von Raphael Heumann

„You’re the real thing…“, murmelte Manuel Guitierrez seinem verschwitzten Spiegelbild zu. Er musterte kurz seinen aufgepumpten Körper und hievte die beiden gusseisernen Kurzhanteln wieder auf das Regal neben sich. Noch ein weiterer Blick auf die schwellende Bizepsader, ein weiterer Traubenzucker aus seiner Bauchtasche und es konnte weitergehen. „Even better than the real thing!“ In der Muskelstube seiner dominikanischen Heimatstadt hatten sie ihn zuerst wegen seines ungewöhnlichen Aufputschmittels aufgezogen. Nach ein paar Jahren jedoch hatte er alle überflügelt und seine Trainingskollegen eiferten ihm nach. Sie würden niemals seine Form erreichen, dachte Manuel und begann mit seinen Sit-Ups. Weiterlesen