Wechselzeit

von Nora Manz

Wispernd rieselt die Wahrheit aus den berstenden Ähren des Sommers, während sich die leeren Hülsen dem Wind ergeben.
Eine Sprache, die perlend sprudelt, das Klappern der Schnäbel, schnarrender Laut. Eine Melodie, die jeden Buchstaben atmen lässt.
Inmitten des Gewirrs aus Stimmengeklirr, aus Rauchschwaden und dämmrigem Licht, liegt diese Insel: Ein tiefes Gespräch, geteilte Gedanken.
Zuhause tropft durchs Fenster schon der Herbst herein, schwappt vorher in Runden. Wabernd weiß verrät ihn doch sein Atem, wenn er um die Ecken geht. Weiterlesen

Hand an Hand

von Nora Manz

Geborgen unter Strahlen, die um uns zu Boden sinken,
stürzen wir uns in die Gemeinsamkeit.
Im Dunklen, einer Unendlichkeit gleich,
strömt das Licht wie wir dem Abgrund entgegen.
Fallend und zugleich erhoben, enthoben, erhaben:
Losgelöst und unbeherrscht, bloß – voll Sehnsucht
nach diesem Moment, der uns gerade umfasst.
Eingekapselt, ausgeschlossen und ausschließlich.
Zeitenstarre, Raserei im Überschlag:
Hand an Hand – ein Lichtertanz.

Immer noch Heidelberg

von Johannes Herbst

Er schielte auf das Ziffernblatt seines Weckers, doch erahnte nur verschwommene Umrisse zweier Zeiger! Stille. Wie zuvor, Stille. Obwohl er sich mehrfach die Augen rieb und den Wecker aus verschiedenen Blickwinkeln begutachtete, konnte er ihn nicht klar sehen. Es musste so kurz vor sechs sein. Zufrieden und mit geschlossenen Augen klemmte er sich ein Stück Bettdecke zwischen die Beine und drückte seinen Kopf in das Kissen. Weiterlesen

Tischgespräch unter Ärzten

von Sonja Lewandowski mit einem lyrischen Prolog

Scheu und Schaum vorm Mund.
Ein ehrlicher Satz sitzt wund,
hinter den Zähnen,
unter der Zunge,
stößt sich die Stirn stumpf,
hockt mir das Herz auf der Lunge.
Durch die Hand fließt das Ungesagte, das Ungelesene,
geschrieben steht es jetzt und krümmt sich nie wieder,
stößt sich die Stirn nun stark. Weiterlesen

‚A God in Ruins‘ – ‚Everyone Is A Little Universe‘

von Susann Vogel

‚A God in Ruins‘     –    ‚Everyone Is A Little Universe‘
                        (paper planes)                   (The Wind-Up Robots Killed My Cat)

Diese Musik ist Hafen und Regen.
Ein Hausboot auf der Seine.
Und Gesangsübung in der anliegenden Wohnung.
Eine Arktische Himbeere. Weiterlesen

Tausendundeinhundert Lichter.

von Susann Vogel

Das Herz, das Herz, das Herz –

Ich habe einen Stern gesehen.

Ich tippe mir drei Mal gegen die Stirn, um Aufmerksamkeit zu wecken – die Aufmerksamkeit des mächtigen Unwetters zwischen meinen Ohren. Das Unwetter ist die Maskenlosigkeit. Das Gegengewicht zum Erdrückenden. Ich muss draußen stehen, um nach drinnen zu schauen. Ich muss dicht an den Rand heran, um mich in der Mitte zu positionieren. Ich kann nicht gefunden werden – als das, was fehlt. Denn ich bin Ergänzung.
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Hello – hello – hello (…)

von Susann Vogel

Hello – hello – hello – hello
Here we are now
Entertain –

Vorahnung und Herbst
Ein aufmerksamer Fall
Beredte Ignoranz
Randständig, ein Tramp
Emailletopf, Rucksack
Lektüre, Rückrad
Anliegen und Haut
Jeans und Riss Weiterlesen

Schwere (frei nach Where‘s your Gravity von David Sylvian)

von Jasmin Kathöfer

Von jetzt auf gleich sind alle Blätter verschwunden
und die Luft riecht nach Schnee
Du befreist dein Gesicht von den falschen Farben
dein Mund zerspringt wie eine Rosenknospe
Während die Sekunden verstreichen
legst du schwerelos deine Kleider ab Weiterlesen