Vogelregen

von Michael Fassel

Leere Straßen, abgestellte Autos, offene Türen, zersprungene Fenster. Eine kühle Brise zupfte sachte an den Gardinen, die wie gespenstische Fahnen aus den Häusern wehten. Das waren die Bilder, die auf ihn einschlugen, als er mit einer heißen Zitrone auf der Bank saß. Er zog sich seine Mütze bis zu den Augenlidern. Sperlinge fielen geräuschvoll auf den Boden, Tauben klatschten auf den Asphalt wie Wasserballons. Wind bleichte die Denkmäler aus. Blut rann über die Schaufenster, sickerte in die Kellerschächte. Weiterlesen

Die Welt hinter meinen Augen

von Jasmin Kathöfer

Wo kann ich hingehen,
dass mich der Schlaf nicht erreicht?
Denn warum sollte ich schlafen wollen?
Wie könnte ich daran denken,
wenn die Räuber mich umkreisen?
Sie wittern mich, riechen meine Angst. Weiterlesen

Mondlandung

von Sebastian Wilhelm

Am Anfang war es nur ein kleiner Schritt.
Raum und Zeit sind überwunden.
Meine Gedanken so hoch im Glück.
Sterne zeigen mir ihr Licht.
Trüber Mondschein scheint auf mich.
Rasend zogen sie an mir vorbei.
Ohne gänzlich zu verschwinden.
Nur die Vorstellung bleibt gleich.
Gedanken machen große Schritte.

Codierung des Akrostichons: ARMSTRONG

Wechselzeit

von Nora Manz

Wispernd rieselt die Wahrheit aus den berstenden Ähren des Sommers, während sich die leeren Hülsen dem Wind ergeben.
Eine Sprache, die perlend sprudelt, das Klappern der Schnäbel, schnarrender Laut. Eine Melodie, die jeden Buchstaben atmen lässt.
Inmitten des Gewirrs aus Stimmengeklirr, aus Rauchschwaden und dämmrigem Licht, liegt diese Insel: Ein tiefes Gespräch, geteilte Gedanken.
Zuhause tropft durchs Fenster schon der Herbst herein, schwappt vorher in Runden. Wabernd weiß verrät ihn doch sein Atem, wenn er um die Ecken geht. Weiterlesen

Hand an Hand

von Nora Manz

Geborgen unter Strahlen, die um uns zu Boden sinken,
stürzen wir uns in die Gemeinsamkeit.
Im Dunklen, einer Unendlichkeit gleich,
strömt das Licht wie wir dem Abgrund entgegen.
Fallend und zugleich erhoben, enthoben, erhaben:
Losgelöst und unbeherrscht, bloß – voll Sehnsucht
nach diesem Moment, der uns gerade umfasst.
Eingekapselt, ausgeschlossen und ausschließlich.
Zeitenstarre, Raserei im Überschlag:
Hand an Hand – ein Lichtertanz.

Immer noch Heidelberg

von Johannes Herbst

Er schielte auf das Ziffernblatt seines Weckers, doch erahnte nur verschwommene Umrisse zweier Zeiger! Stille. Wie zuvor, Stille. Obwohl er sich mehrfach die Augen rieb und den Wecker aus verschiedenen Blickwinkeln begutachtete, konnte er ihn nicht klar sehen. Es musste so kurz vor sechs sein. Zufrieden und mit geschlossenen Augen klemmte er sich ein Stück Bettdecke zwischen die Beine und drückte seinen Kopf in das Kissen. Weiterlesen